1985: FRI.ART made in Switzerland

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Porträt von Michel Ritter in New York, 1985. Unbekannte·r Fotograf·in

“Wenn ich eine Ausstellung organisiere, dann gestalte ich sie wie ein Kunstwerk: es geht mir weniger um grosse Namen oder Persönlichkeiten, als dass ich möchte, dass das Endergebnis einen Sinn ergibt und etwas damit kommuniziert wird.” Mit diesem Anliegen erklärt Michel Ritter in einem Interview mit Container TV an der Vernissage von FRI.ART made in Switzerland in New York die Absicht seiner ersten Ausstellung internationaler Grösse. Es soll keine nationale Ausstellung sein, die von April bis Juni 1985 in fünf unabhängigen Kunsträumen Manhattans stattfindet, sondern eine Ausstellung von Schweizer Künstler:innen. Auch wenn grössere Namen wie Meret Oppenheim, Markus Raetz oder Roman Signer vertreten waren, wollte Friart den hauptsächlich jungen, noch wenig etablierten Kunstschaffenden die Möglichkeit bieten, erstmals in New York auszustellen – in einer Metropole am Puls der Gegenwartskunst. 

Nachdem Michel Ritter drei Jahre in New York gelebt hatte und im Jahr 1980 in Franklin Furnace selbst als Künstler ausstellte, hielt er einen regen Kontakt zu bedeutenden Akteur:innen unabhängiger Kunsträume Manhattans aufrecht. Die Idee für FRI.ART made in Switzerland begann sich bereits zwei Jahre vor Ausstellungseröffnung zu konkretisieren, als Pro Helvetia mit grossem Interesse für das Projekt ihre finanzielle Unterstützung versicherte. Die Kulturstiftung ermöglichte Michel Ritter und Friart Gründungsmitglied Paul Jacquat mit dem Betrag von CHF 145’000, ungefähr der Hälfte des Gesamtbudgets, die Realisierung eines gemeinsamen Vorhabens, das nicht nur Schweizer Künstler:innen ausstellte, sondern sie auch an Formgebung und Organisation teilhaben liess. Ähnlich wie bei der Fri-Art ’81 im ehemaligen Priesterseminar Freiburgs, wurden für Franklin Furnace fünf Künstler:innen eingeladen, die ihrerseits wiederum je fünf Personen anfragten. Auf diese Weise fügte sich diese Veranstaltung auch in Friarts Konzept der Partizipation ein, das die Distanz zwischen Veranstaltenden und Künstler:innen verringern will. Rund 60 Schweizer Kunstschaffende stellten von April bis Juni 1985 in fünf unabhängigen Kunsträumen Manhattans aus. Gleichzeitig wie im The Clocktower Werke von Meret Oppenheim, John Armleder oder Cherif + Silvie Defraoui gezeigt wurden, waren im Franklin Furnace installative Arbeiten von Ian Anüll, Dieter Roth oder Anna Winteler zu sehen. Den Auftakt für ein viertägiges Performance Festival in LA MAMA E.T.C. wurde von Christian Marclay inszeniert und wenige Tage später bespielten die Super-8 und 16mm Filme von Daniel Schmid, Heinz Brand oder Véronique Goël die Leinwände des The Collective for Living Cinema. Das grosse Angebot an Kunstinstitutionen und -veranstaltungen in Manhattan erschwerte es der jungen Schweizer Kunstszene Aufmerksamkeit für sich zu generieren und das Interesse seitens des New Yorker Publikums blieb bescheiden. Für die Beteiligten blieb die Übersee-Ausstellung dennoch eine einzigartige Erfahrung, die noch lange nachklang. Anlässlich der Einweihung des offiziellen Gebäudes Friarts an den Petites-Rames 22 in der Freiburger Unterstadt wurde im Jahr 1991 ein Kollektivwerk reproduziert, das in FRI.ART made in Switzerland ausgestellt war. Die Ausstellung prägte so das erste Kapitel der Geschichte einer Kunsthalle entscheidend mit. 

Text in Zusammenarbeit mit Laura Lanfranchi, veröffentlicht im Rahmen der Ausstellung Friart ist aus einem Vakuum heraus entstanden. Geist einer Kunsthalle, MAHF Museoscope, (27.08 - 17.10.2021).

Annex