1996: Thomas Hirschhorn, Très Grand Buffet

Thomas Hirschhorn image
Note de Thomas Hirschhorn sur son oeuvre Très Grand Buffer de 1995.

Zwischen dem 5. November und dem 24. Dezember 1995 zeigte die Kunsthalle Friart in ihrem Hauptsaal an den Petites-Rames 22 die Arbeit Très Grand Buffet von Thomas Hirschhorn. Die Ausstellung folgte direkt auf Mark Dions Unseen Fribourg und war eine der wichtigen Einzelausstellungen, für die die Kunsthalle in den 1990er Jahren internationale und schweizerische Gegenwartskünstler:innen nach Fribourg einlud. Thomas Hirschhorn, der sich Anfang der 1990er in Frankreich und Deutschland zu etablieren begann, stellte 1995 in einer Frankfurter Galerie seine Arbeit Buffet aus, die in ihrer Materialität und Bildsprache schon auf die Fribourger Arbeit verwies. Als Michel Ritter den schweizstämmigen Thomas Hirschhorn 1995 in die Kunsthalle einlud, schlug er ihm für die Präsentation seines Werks eine Gruppenausstellung mit zwei Schweizer Gegenwartskünstlern vor, in der Hirschhorns Werk die zentrale künstlerische Position einnehmen würde. Diese Idee wurde verworfen und stattdessen entschieden, nur die raumfüllende Arbeit Hirschhorns im Hauptsaal auszustellen. Damit zeigte Friart seine erste Einzelausstellung in der Schweiz und die Kunsthalle wurde in Verbindung mit der Arbeit Teil seiner künstlerischen Reflexion und des Hirschhorn-Universums. 

In seinem handgeschriebenen Absichtsbeschrieb vom 4. September 1995 erklärt Thomas Hirschhorn, wie er sich die Ausstellung in der Kunsthalle Friart vorstellt: Er will einen “Raum im Raum” schaffen, den man durch Vorhänge betritt. In diesem Raum will er eine “fast festliche, gebastelte Atmosphäre” schaffen, die von den Materialien mitkreiert wird. Darin soll ein Buffet entstehen, das aus Tribünen aus Brettern und Kartonschachteln gebaut und komplett in Alufolie eingewickelt wird. Darauf stehen Arbeiten einer Collage-Reihe mit handschriftlich annotierten Ausschnitten aus unterschiedlichen Printmedien. Die Arbeit soll einerseits als grosses Ganzes wirken, andererseits in den Details ihrer Teile. Thomas Hirschhorn ist für die Aussage bekannt, dass er keine politische Kunst, sondern Kunst politisch machen will. Er will ein “aktives Werk” schaffen und dafür in erster Linie “von sich selber geben.” Das Politische in seiner Arbeit geht auf die Art und Weise zurück, wie das Werk gemacht ist: Er benutzt Materialien, die billig sind, einfach zugänglich und die nicht einschüchtern. Bei Friart schuf er aus profanen Materialien einen exklusiven Raum, bei dessen Betreten durch die farbigen Vorhänge die Besuchenden aus dem musealen Kontext herausgehoben wurden. Das Sichtbarmachen und Gegenüberstellen dieser beiden Räume funktionierte nur in der Exklusivität seiner Präsentation; in diesem Zusammenhang noch andere Künstler bei Friart auszustellen, hätte eine konsequente Durchführung seiner Idee verhindert und deren Antrieb in der Gruppenausstellung aufgelöst. Hirschhorn allein auszustellen hatte für Friart wiederum den Vorteil, dass die Kunsthalle in den medialen Diskurs um die Arbeit des aufstrebenden Künstlers eingebunden wurde.

Sie wurde auf dem Niveau international anerkannter Kunstinstitutionen als Ort diskutiert, der Hirschhorns interesseweckende Arbeit exklusiv präsentierte und seine Karriere mitlancierte. Michel Ritter wurde dabei als Direktor angeführt, der mit dieser Ausstellung seinen Grundsatz [unterstreiche], Kunstschaffende einzuladen, die bei der künstlerischen Darstellung konsequent und überzeugt bis an die Grenzen gehen.

Text in Zusammenarbeit mit Anja Delz, veröffentlicht im Rahmen der Ausstellung Friart ist aus einem Vakuum heraus entstanden. Geist einer Kunsthalle, MAHF Museoscope, (27.08 - 17.10.2021).