Jason Dodge
Was wir sehen: Ein orchestriertes Chaos von ausgekipptem Silber, Garn, Vogelfutter, Plastikeimern, Vitamin-Supplementen, Pollen, Sägemehl, Kabeln und anderen Dingen. Es macht den Anschein, als wären die Dinge beiläufig platziert worden. Allerlei Übriggebliebenes hat sich in den Räumen angesammelt, ähnlich wie Treibgut vom Wasser ans Ufer geschwemmt wird. Es bleibt unklar, ob dies alles absichtlich entstanden ist oder vielmehr durch Untätigkeit und Nachlässigkeit. Lässt sich das eine überhaupt vom anderen unterscheiden, wenn man akzeptiert, dass eine Form nicht nur durch aktives Tun entsteht, sondern auch durch passive Aktivität – durch Empfangen und Geschehen-Lassen? Das Leben zeigt uns, dass die Ereignisse, die passieren, weitaus mehr sind als eine simple Verkettung von Ursache und Wirkung. Manchmal, so scheint es, fügen sich die Dinge auf ihre eigene, mysteriöse Weise. In dieser Ausstellung ist es bisweilen nur der Windstoss einer offen gelassenen Tür, der die Dinge neu anordnet, genauso wie unsere blosse physische Anwesenheit dazu führt, dass sich die skulpturale Konfiguration in den Räumen verändert und verschiebt.
Jason Dodges Praxis entstammt dem Gedanken, dass alles in allem enthalten ist und sich unsere emotionale und geistige Existenz in den allerkleinsten, körnigen Fragmenten der materiellen Welt wiederfinden lässt. Die am Boden zerstreuten Dinge legen nicht nur eine leise Spur zu abwesenden (nicht-)menschlichen Präsenzen, sondern erinnern uns auch daran, dass wir sowohl als Körper wie auch als Geist in dieser Welt anwesend sind – dass unser Dasein aus organischen, toxischen, konkreten, flüchtigen und emotionalen Substanzen und weitaus mehr besteht. Es gibt Momente in der Ausstellung, in denen sich eine Abwesenheit (und ein Bedeutungsvakuum) manifestiert – etwa, wenn anstelle eines Titels eine physische Leerstelle und ein Schnitt erscheint –, und andere Momente, in denen die Dinge plötzlich lebendig und präsent werden und eine konkrete Erinnerung, ein Gefühl oder ein deutliches Bild auftaucht. In dem Wechsel zwischen Erscheinen und Verschwinden fühlt sich die Ausstellung zugleich sehr konkret und sehr abstrakt an.
In einem weiteren Sinn handelt sie aber auch von dem Wunsch und der Möglichkeit, eine Frequenzänderung herbeizuführen. Denken wir an alltägliche Wörter, die in einem Gedicht eine neue, eigenwillige Bedeutung erhalten. Aus ihrem normalen Gebrauchskontext isoliert, auf einer leeren Seite neu arrangiert und in Strophen und Versen organisiert, nehmen sie eine andere emotionale Färbung an, die weit über das Bekannte und Vertraute hinausgeht. Die Poetik, die Jason Dodge betreibt, ist hingegen eine ohne Worte; eine haptische, skulpturale Poetik, die durch Schichtung, Verdichtung, Leere, Verbergung und Offenlegung die Tonalität von Räumen und Dingen verschiebt. Launen und Stimmungen kondensieren in dieser seltsamen, immersiven Landschaft genauso wie die Überreste von Silber, Kamillenblüten, Holz und dem leeren Geräusch flackernder Lampen.
Im Rahmen der Ausstellung lädt Jason Dodge andere Autor*innen und Dichter*innen für Lesungen in die Kunsthalle Friart Fribourg ein, um sein Werk in einen Bezug poetischer Verwandtschaft und langjähriger Freundschaft zu stellen.
Zur Ausstellung wird eine Publikation erscheinen, die von Jason Dodge und Kathrin Bentele editiert wird.
Kuratiert von Kathrin Bentele
Jason Dodge (geb. 1969) lebt auf Møn in Dänemark. Er zeigt seine Arbeiten seit den 1990er Jahren in Galerien, Museen, Biennalen, Kunsthallen und Projekträumen. In jüngerer Zeit präsentierte er Ausstellungen etwa im Grazer Kunstverein, Graz (2024); im Mudam, Musée d’Art Moderne, Luxemburg (Tomorrow, I walked to a dark black star, 2024); im Museum of Contemporary Art (MACRO), Rom (Cut a Door in the Wolf, 2021); oder im Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Turin (A work for no public audience, 2020). Sein Werk wird zudem im Rahmen der Manifesta 16 Ruhr, Essen, gezeigt. Jason Dodge gründete 2012 den Poesieverlag Fivehundred places, der regelmässig zeitgenössische Lyrik herausgibt.
Mit der grosszügiger Unterstützung von: État de Fribourg, Loterie Romande, Agglomération de Fribourg, Ville de Fribourg, BCF | FKB, Danish Arts Foundation